Graubünden #2 - Goldschürfen und Schotterpiste des Grauens

Moin,

 

Samstage sind meine Lieblingstage. Und dann noch in Zottl. Was gibt es besseres?! Ich wache um 9:30 Uhr auf. Ui, schon so spät. Ich entwickle mich wieder zu einem Langschläfer. Vor allem wenn ich mit Zottl unterwegs bin. Ein Blick durch das Dachfenster: japp, blauer Himmel. Sonne! Genial! Raus aus den Federn und anziehen. Ob mein Nachbar wohl auch schon wach ist.

Ich öffne die Schiebetür, schaue raus….ups….sofort hab ich ein schlechtes Gewissen. Oski steht noch neben Zottl….Jens sitzt aber schon am PC, ist topfit und sicher nicht erst seit 5 Minuten wach. Wenig später höre ich, dass er sogar heute Morgen schon mit der Drohne geflogen ist. Ich habe NIX davon gehört. Zottl ist echt gut gegen Geräusche von außen gedämmt.

 

Gefrühstückt hat Jens zum Glück noch nicht. Hoffe, er ist noch nicht am verhungern. Kaffee hat er schon vorbereitet.

Also bereite ich mal mein Frühstück vor, packe Tisch und Stuhl wieder aus und 15 Minuten später sitzen wir in Camper Style auf unseren Stühlen vor unseren Kästen in der Sonne und mampfen unser Power Food. Viel besser könnte es nicht sein.

Jetzt seh ich auch endlich mal, wo wir hier eigentlich sind. Schotterparkplatz, relativ gerade, Bach, bebaumtes Tal. Sehr schön. Tatsächlich kanadisch. Rechts vom Parkplatz steht noch eine moderne Holzhütte die man mieten kann. Es gibt sogar eine saubere Toilette die offen und zugänglich ist. Das gibt’s wieder mal nur in der Schweiz! Tolles Land! Das WC scheint aber nur am Wochenende offen zu sein. Es war aber gestern, Freitagabend, auch schon offen.

Wer sich fragt wo wir sind: in der Nähe von Schiers, in einem Seitental.

 

Nach dem Frühstück räumen wir zusammen und gehen. Schwerpunkt dabei auf GEHEN…hier gibt es nämlich noch eine alte Brücke (Weltmonument Salginatobelbrücke), die schön für einen Drohnenflug herhalten kann. So folgen wir dem Bach bergauf. Nicht weit, zum Glück.

Am Startplatz angekommen, packe ich die Drohne aus und stelle fest: es fehlt was. Ich vergaß meine ND Filter in Zottl. Ohne fliegen? Nee! Ich renne kurz zurück zu Zottl. Nur gut ist es nicht sooo weit.

Kaum hab ich mir die Filter in Zottl geschnappt, renne ich wieder zurück, bergauf…puh…anstrengend.

Ruckzuck bin ich wieder zurück bei Jens am Drohnenstartplatz. Nur um dann festzustellen, dass mein G4 Handy, mit dem ich ja immer fliege, eine leere Batterie hat. Macht keinen Mucks. Verdammt, verdammt, verdammt!

Jens rettet den Flug, sein Samsung S9 darf ich für den Flug verwenden. Das harmoniert perfekt mit der Mavic Pro. Ich absolviere einen schönen Flug und lande 20 Minuten später sicher am Startplatz.

 

Für etwas Erholung laufen wir zurück zu unseren Kastenwagen und tauschen das Drohnenequipment gegen Goldwaschequipment. Japp, ihr habt richtig gelesen. Wir gehen nach Gold schürfen. Habe ich noch nie in meinem Leben gemacht. Jens besitzt das notwendige Equipment: Waschrinne, Schüssel und ein Joghurt Eimer ohne Joghurt. Die Wahrscheinlichkeit, hier etwas zu finden, ist zwar gering, aus Spaß wollen wir es aber versuchen.

 

Wir suchen uns einen Schürfplatz, installieren die Waschrinne im Bach und beginne zu graben. Direkt aus dem Bachbett. Ich fühle schon richtig das Goldfieber! Während Jens gräbt bin ich am filmen. Wenig später steht der erste Clean-out an.

Der Inhalt der Waschrinne wird in die Goldwaschpfanne befördert, alles gut mit dem großen Joghurtbecher ausgespült. Jetzt beginnt das Auswaschen der Pfanne. Man sieht, dass Jens Erfahrung damit hat. Mit geübten Bewegungen leert er die Pfanne….bis….ja…nee….wir werden nicht reich. Die Pfanne ist leer. Kein Gold.

 

Wir geben nicht auf. Jetzt schaufle ich Gestein in die Waschrinne, Jens filmt. Doch auch dieser Clean-out ist erfolglos. Kein Gold. Nur ein paar andere Mineralien. Wir werden wohl weiterhin ins Bergwerk müssen und Geld verdienen. Schade!

Dennoch wechseln wir nochmal den Standort. Versuchen unser Glück an einem anderen Bach. Aber auch hier: keine Spur von Gold. Das erklärt wohl, warum diese Ecke nicht für Goldfunde bekannt ist!

Wer Gold sucht, muss in die Ecke von Disentis gehen…da stehen die Chancen höher…. 3 Gramm auf 1 Tonnen Gestein sollen da möglich sein.

 

      

Nach so viel Action meldet sich der Hunger. Es geht auf 14 Uhr zu. Kein Wunder also hängt der Magen im Keller. Ich mache mich dran, Kartoffeln zu schälen und zu schneiden. Jens brät Fleisch an. Und dann passiert es. Ich bin kurz unachtsam beim Kartoffeln schneiden. Und was dann passiert, könnt ihr euch denken. Scharfes Messer, Finger, Schwung……f*****….au….oh man ist das tief! Ich jage mir das Messer schön in die Fingerkuppe. Oh verdammter Scheiß. Es blutet natürlich gleich mal los. Ich renne in Zottl und hole ein Zewa, umwickle meinen Finger und halte die Hand hoch. Jens fragt, ob ich Pflaster habe…äh….im erste Hilfe Kasten wohl….aber wo der ist….keine Ahnung.

Während ich um das Überleben kämpfe (okay, das mag nun ein klein wenig übertrieben sein), kümmere ich mich parallel aber auch noch um die Bratkartoffeln. Jene ohne Blut werden natürlich schön in Öl anfritiert. Jens unterbricht seine Arbeit am Herd und kommt rüber zu Zottl. In der Hand ein kleines Erste Hilfe Kästchen. Er fädelt schon mal den Faden auf die Nadel mit der wir gleich den Schnitt nähen werden…..naaa….nur Spaß….er holt ein Pflaster raus und klebt es mir über den Schnitt im Finger. Das Leben geht weiter und 15 Minuten später sitzen wir wieder in der Sonne und genießen unser leckeres Mittagessen. Ein Bier wäre noch nett, aber wir müssen noch fahren. Haben wir doch noch etwas besonders vor uns heute. Auch wenn ich noch nicht so genau weiß, was mich erwartet. Wüsste ich es, würde ich hier jetzt wohl nicht so entspannt zu Mittag spachteln.

Nach dem Essen ist vor dem Abwasch. Ich spare mir den. Reibe das schmutzige Geschirr mit Zewa ab und werf es in meine Waschbox. Deckel drauf. Gut ist. Bin ja morgen schon wieder zu Hause, da kommt das alles in den Geschirrspüler.

Um 15 Uhr sind wir bereit. Abfahrt. Lasst den Wahnsinn beginnen. Los geht es aber ganz ruhig. Wir rollen am Bach entlang auf das Kieswerk zu. Jens denkt sich: Oh, schau mal, ein großer fester Kiesberg, da fahr ich mal hoch. Zack, steht er oben. Schlafen wollt ich da nicht, ziemlich schräg. Ich zögere erst kurz, zieh aber nach und stehe kurz darauf neben Oski. Fotosession. Aus allen Richtungen wird geknipst und gefilmt. Später fahren wir noch in die „Grube“ rein. Weitere Fotos. Die Kästen werden auch gut eingestaubt, alles trocken hier. Die Fahrzeuge ziehen eine gute Fahne hinter sich her.

15 Minuten später, mehrere GB Datenmaterial mehr auf der SD Karte, geht’s weiter. Fahrtrichtung Davos. Gut Verkehr. Bevor es an den Schlafplatz geht, machen wir noch einen Stopp in einem nahen Tal von Davos. Es geht auf 2.000 m. Gut Fahrbar, mal kein Schotterweg. Einspurige Strecke mit Ausweichstellen. Ein großer Bus kommt uns entgegen, Zottl muss sich dünn machen. Jens, der bei mir mit drin sitzt, Oski steht weiter unten und hat Pause, ist bereit den Seitenspiegel einzuklappen. Es reicht aber auch ohne gut. Wieder mal bin ich froh, fahre ich einen schlanken Kasten.

Nach vielen Kurven und noch dem ein oder anderen Ausweichmanöver sind wir oben. Karge Landschaft, Blick auf einen letzten kleinen Rest eines einstmals großen Gletschers. Wo wir sind? Dischma Tal. Und was uns sofort angrinst: Camping Verboten! Naja, so kommen wir schon nicht in Versuchung, hier zu bleiben. Was ein Glück. Es ist zwar schön hier, aber uns würde einiges an Nervenkitzel durch die Lappen gehen.

Für die Rückfahrt nach Davos packe ich die Drohne aus, lasse Jens Zottl fahren und ich selbst steuere die Drohne. Wir sind ein gutes Team. Jens setzt meine Geschwindigkeitsangaben gut um und so gelingen mir ein paar schöne Shots. Freue mich schon jetzt auf die Video Bearbeitung.


Wir fahren weiter in Richtung Wiesen, biegen vorher aber links ab und dümpeln bergab. Und plötzlich, mitten im Nirgendwo, kommt ein Bahnhof(!).  Jens stoppt dort. Ab hier wird es nun kritisch. Bevor wir losfahren, wollen wir jedoch die ersten Meter der Strecke zu Fuß begutachten. Es geht erstmal über eine einspurige und leicht gebogene enge Brück und später steil bergauf, über enge Serpentinen. Das ist noch nicht alles: der Weg ist unbefestigt, (grober) Schotter ist der Hauptuntergrund.

Die Brücke sieht schon etwas „gefährlich“ aus. 84 m hoch führt sie über eine enge Schlucht. Uff….da wird mir schon fast schwindelig wenn ich runter schaue. Wir denken jedoch, das geht schon mit unseren Kästen. Wird eng, aber könnte passen. Jens ist die Strecke schon mal mit einem PKW gefahren. Er weiß also was kommt. So laufen wir zurück zu unseren Kästen, schütteln uns die Hände und wünschen uns gegenseitig viel Glück bei der Hochfahrt. Einsteigen. Motor an. Losfahren!

 

Die Brücke überqueren wir gut und ohne Fremdkontakt. Der Schotter knirscht unter den Reifen, die nächsten Meter sind eben. Kurz darauf steigt die Straße, eigentlich ist es jedoch mehr ein Weg, an. Und zwar deutlich. Es geht heftig bergauf. Eine Kurve jagt die nächste. Mehrere Serpentinen folgen. Der Nevenkitzel steigt. Man merkt wie Zottl's Vorderreifen mit dem Grip kämpfen. Bloß nicht anhalten. Die gesamte Strecke fahre ich im 1. Gang. Die Serpentinen müssen zügig genommen werden, denn im Anschluss geht es meist gleich wieder sehr steil weiter. Der Puls geht hoch und nach einer sehr engen Kurve beginnt Zottl Traktion zu verlieren. Ich gebe ihm etwas mehr die Sporen. Merke, wie die Reifen nach jedem Halt lechzen und hoffe nur, dass mir hier niemand entgegen kommt. Hier halten und anfahren zu müssen, wäre das Ende. In jede Kurve muss der Schwung mitgenommen werden um wieder rauszukommen. Teilweise ist die Straße leicht ausgewaschen, grober Schotter liegt rum, nur wenige Abschnitte haben ein paar Meter festen Untergrund. Meist da, wo die Straße wohl mal abgerutscht war.

Oh man Jens, wo führst Du uns da wieder hin! Du bist echt der Schotterstraßen König! Nach vielen Kurven und Höhenmetern und der Befürchtung hängen zu bleiben, steht plötzlich in einer Kurve Oski vor mir. Was ist passiert? Hängt Jens fest? Oski kaputt? Haben wir jetzt ein Problem? Oh man….

 

Erst mit etwas Verzögerung merke ich: wir sind fast da! Ich sehe oberhalb von uns den Platz für die Nacht. Auf einem Felsvorsprung. Die Zufahrtsstraße ist jedoch so angelegt, dass wir sie vorwärts nicht fahren können. Wir müssen rückwärts rein rangieren, so ca. 100 Meter. Rechts Betonwand, links Holzzaun. Am Ende dieses schmalen Wegs führt dieser auch noch ein paar Meter bergauf. Und so ganz gerade ist er auch nicht. Der Weg ist leicht nach rechts gebogen. Das wird lustig.

      

Da Jens und sein Oski vor mir stehen, darf er zuerst. Ich filme. Es ist eng, nach links und rechts ist wenig Platz. Ein Fehler und es gibt Kratzer. Das letzte Stück leicht bergauf lässt auch gleich noch die Kupplung altern. Es riecht etwas. Aber Jens schafft es, der Kollege kann Autofahren. Gut zu wissen wenn man mit so jemandem unterwegs ist.

 

Jetzt bin ich dran. Ich rede Zottl nochmal gut zu. Briefe meinen Co-Piloten. Er ist für die Rückfahrkamera zuständig. Ich fahre und übernehme die Spiegel. Er ist damit nicht einverstanden. Ich solle alles machen. Na toll….ich glaub, ich lass ihn hier morgen!

Ich bringe Zottl in Position, lege den Rückwärtsgang ein und los geht’s. In weniger als Schritttempo fädle ich Zottl's Hintern ein. Versuche nicht an der Mauer hängen zu bleiben und auch die leichte Kurve des Weges im Auge zu behalten. Gut habe ich schon viel Routine mit Zottl. Das fahren über Rückspiegel funktioniert gut. Die Rückfahrkamera ist auch eine gute Hilfe. Ohne rangieren fahre ich das Wegli, komme an die bergan führende Stelle, und würge Zottl auch diese Anhöhe hoch. Zack…..stehe ich neben Oski. Der Platz passt perfekt für zwei Kastenwagen.

 

Hinter uns ist noch genug Platz für Tisch und Stühle. WAS FÜR EIN GEILER PLATZ! Irgendwie in der Felswand. Links und hinter uns geht es steil bergab, rechts davon die Felswand. Der Wahnsinn! Blick ins Tal, auf den Bahnhof der von hier aussieht wie auf einer Modelleisenbahn und das Wiesener Viadukt. Wow! Und passend dazu geht gerade noch die Sonne hinter einem der Berge unter. WOW, WOW, WOW! Ich hüpfe über den Platz wie ein Flummi, filme schnell noch mit den letzten Sonnenstrahlen und freu mich wie ein Elch.
Vom Platz weg führt noch ein Tunnel ins Nirgendwo. Ansonsten ist hier nix. Außer einer mega Aussicht, zwei coolen Typen mit zwei noch cooleren Kastenwagen J. Der Platz geht in die Geschichtsbücher von Zottl und mir ein. Die schwierige Anfahrt hat sich gelohnt. Ist aber echt nicht ohne. Aber es zeigt mal wieder, was so ein Kastenwagen leisten kann! Man sollte aber Autofahren können und möglichst nicht länger als 6,40 m sein und nicht breiter als ein Kastenwagen.

 

Den Rest des Abends werfen wir den Grill an, trinken noch ein oder zwei Bierchen und ein oder zwei Schnäpse. Wir genießen einen gigantischen Sternenhimmel und fühlen uns satt und glücklich. Auch die Schoggi, die wir noch rein schieben, hilft, dieses Gefühl zu verstärken. Gegen später wirft Jens seinen Lotus Grill nochmals an. Ist doch kühl geworden. Der Grill gibt gut Wärme ab und hält zumindest unsere Beine in angenehmer Temperatur.

 

Gegen Mitternacht haben wir es gesehen. Ich freue mich auf mein Federbett und die Heizung in Zottl. Eigentlich sollten wir noch Bierflaschen, Teller etc. aufräumen…aber andererseits….steht das Zeug hier sicher auch morgen Früh noch rum. Wir lassen alles stehen und gehen pennen. Hoffentlich fällt kein Fels auf uns. Hoffentlich bricht der Vorsprung nicht ab.

 

Gute Nacht und viele Grüsse

Kai

 

GPS Koordinaten:
Übernachtung bei Schiers: 46°58'46.4"N 9°43'04.7"E  /  46.979560, 9.717968
Dischma Tal bei Davos: 46°43'16.7"N 9°55'19.6"E  /  46.721316, 9.922123

Schlafplatz bei Wiesen: 46°41'40.0"N 9°43'18.4"E  /  46.694442, 9.721770

Kommentare: 2
  • #2

    Kai (Freitag, 16 November 2018 10:54)

    Hallo Jens,
    danke schön. Das Ende kanntest Du ja schon :))
    Grüsse
    Kai

  • #1

    Jens (Montag, 12 November 2018 19:34)

    Toller Blog, Kai. Man fiebert richtig mit - ein Krimi könnte nicht spannender sein ;-)